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Der Ursprung von Knust Kunz Gallery Editions war – wie könnte es auch anders sein – eine Grafikmappe: Erste Konzentration, ein dreiteiliges Portfolio von sechs Künstlern, Georg Baselitz, Antonius Höckelmann, Jörg Immendorff, Per Kirkeby, Markus Lüpertz und A.R. Penck. Diese Mappe erschien 1982 auf Anregung von Michael Werner im Maximilian Verlag von Sabine Knust und wurde unmittelbar nach der Drucklegung auf der Art Basel präsentiert. Damals mussten sich Galerien nicht um eine Aufnahme bei den Messebetreibern bewerben – die Messen buhlten um die spannendsten Galerien. Sabine Knust war zu diesem Zeitpunkt bereits keine Unbekannte: Sie verfügte über zwei Jahrzehnte Branchenerfahrung und ein verzweigtes internationales Netzwerk.
Sabine Knust, die „mehr oder weniger in die Situation hineinrutschte“, hatte bereits seit 1963 in der Galerie von Heiner Friedrich, dem Bruder ihres damaligen Partners, die Galeriearbeit kennengelernt – zunächst als Gast, später als Beraterin und schließlich als Mitarbeiterin. Besonders beeindruckten sie die Künstlerpersönlichkeiten selbst. „Eigentlich sind sie es gewesen, die mein Interesse an der bildenden Kunst geweckt haben, weil ich fand, dass sie alle, außergewöhnliche Menschen waren.“ Begegnungen mit Cy Twombly, Gerhard Richter, Georg Baselitz oder Andy Warhol, Walter De Maria, Robert Rauschenberg, später auch mit Blinky Palermo oder Imi Knoebel überzeugten die studierte Juristin dazu, ihren eigentlichen Beruf Schritt für Schritt aufzugeben und sich ganz der zeitgenössischen Kunst zu widmen. Knust übernahm die Kommunikation mit den Künstler:innen und wurde später Partnerin der Unternehmung „Editionen der Galerie Heiner Friedrich“. Nach diversen Spin-offs und einvernehmlichen Trennungen vom ehemaligen Team – darunter Fred Jahn und Six Friedrich, die sich ebenfalls selbständig machten – richtete Sabine Knust ihren Fokus auf die Verlegerarbeit und initiierte erste Grafiken für Künstler:innen der Galerien von Heiner Friedrich, Michael Werner und Max Hetzler.
In der vierten Etage der Maximilianstraße, in der Kanzlei eines befreundeten Rechtsanwalts, begann Knust, Druckgrafik zu verlegen und auszustellen. „Ich fand es immer gut, Editionen zu machen, da man dafür direkt mit Künstlern kommunizieren konnte, die sonst nur über ihre Galeristen erreichbar waren. Zusammen mit den Druckern konnten wir etwas Neues und Kreatives erarbeiten.“ Dabei war es oft Sabine Knust, die die Künstler:innen zur Grafik brachte und daraus entstanden nicht nur langjährige Kooperationen mit den Künstler:innen selbst, sondern auch mit Galerien wie Heike Curtze, Thaddaeus Ropac oder Barbara Gladstone sowie mit Druckern und Pressen weltweit: in Wien, Hamburg, Kopenhagen und immer natürlich auch in München, wo Karl Imhof und heute Gesa Puell die Editionen unzähliger Künstler:innen realisierten.
Mit dem Umzug in die Possartstraße in den 1990er Jahren öffnete sich die Galerie auch für Unikate und neue Künstlerpositionen: John Chamberlain, Günther Förg, Asta Gröting, Richard Prince und Arnulf Rainer – um nur einige zu nennen. 1997 kam es dann zu einer entscheidenden Veränderung: Matthias Kunz stieß zur Galerie und wurde kurze Zeit später Partner. Kunz hatte Kunsthandeln bei Bernd Klüser gelernt – einer weiteren Münchner Verlegerlegende mit Jurahintergrund – und kehrte nach einem Abstecher an der Akademie zurück in die Galeriewelt. Was Knust und Kunz verband, war mehr als der Wunsch, die Galerie generationenübergreifend weiterzuführen. Beide orientierten sich an ähnlichen Vorbildern, wie Lelong, Pace Gallery, Pace Prints oder Brooke Alexander, der verlegerischen Heimat der Minimal- und Concept Art. Vorausgesetzt, es gab gegenseitige Einvernehmlichkeit und eine Einbindung ins bestehende Programm, übernahm Knusts zwanzig Jahre jüngerer Partner Kunz die Suche nach jungen Künstler:innen. Im Mooshammer-Haus in der Maximilianstraße 14 wurden Herbert Brandl, Dan Flavin, Katharina Sieverding und viele andere gezeigt. Kunz versuchte dabei stets, die „Peintre-Graveur“-Tradition zu beleben, bei der Künstler:innen ihre Druckgrafiken selbst entwerfen und eigenhändig auf die Druckplatte übertragen – und damit Malerei und Grafik als vollkommen gleichwertig verstehen. Neben Georg Baselitz, der schon immer in seinem Studio eine eigene Druckerpresse betrieb, gelten insbesondere die Grafikwerke von Günther Förg, Daniel Richter, Michael Riedel und Gert & Uwe Tobias als außergewöhnliche Beispiele dieser konsequent gepflegten Tradition bei Knust und Kunz.
Nach dem Umzug in die Räume in der Ludwigstraße (2004) kam 2010 Knust Kunz+ in der Theresienstraße als weitere Plattform – insbesondere für jüngere Positionen, experimentellen kuratorischen Ansätzen und dem kontinuierlichen Dialog zwischen Malerei und Grafik hinzu. Die internationale Vernetzung der Galerie, unterstützt auch durch die Mitgliedschaft in der International Fine Art Print Dealers Association (IFPDA) seit 2011, erhöhten die Sichtbarkeit der Galerie – nicht nur auf Kunstmessen wie der Art Basel, Frieze oder Print Fair in New York. Damit prägt die Galerie nun seit mehr als vier Jahrzehnten nicht nur das künstlerische, sondern auch das institutionelle Umfeld der zeitgenössischen Druckgrafik, sondern hat durch die kontinuierliche Vertretung internationaler Künstler zugleich ein nachhaltiges Galeriemodell aufgebaut. Als Gründungsmitglied und Organisator des Münchner Kunstwochenendes hat Matthias Kunz darüber hinaus auch die internationale Repräsentation seines Heimatsstandortes engagiert vorangetrieben. Immer wieder bringt Knust Kunz renommierte Positionen, wie Ernest Dükü, Benjamin Katz, Wyatt Kahn, oder überrascht mit Präsentationen von Olaf Holzapfel, Alexander Kluge, Olaf Nicolai, Daniel Richter oder Philipp Fürhofer.
Bis heute bleibt die Galerie dem Anspruch verpflichtet, Brücken zwischen Künstlergenerationen zu schlagen: von Picasso und Campendonk über Baselitz und Förg, von Lüpertz bis hin zu Jonathan Meese, Shara Hughes, Jenny Brosinski und Sebastian Dacey. Das Ausstellungsprogramm stellt das Schaffen der vertretenen Künstler:innen in den Mittelpunkt und umfasst zugleich Überblicksausstellungen der regelmäßig publizierten Editionen. Neue Editionsprojekte werden in der Regel zunächst in Basel vorgestellt, bevor sie etwa alle zwei Jahre in einer Gruppenausstellung in der Galerie präsentiert werden. Diese verlegerische Ausrichtung ermöglicht es, Projekte mit großer künstlerischer Freiheit und Beständigkeit zu realisieren, ohne sich in einer horizontalen Expansion durch zusätzliche Dependancen oder aufwendige Messeauftritte zu erschöpfen.Am Ende geht es, wie Matthias Kunz formulierte, „um die Künstler:innen und um die Kunst. Und hier sind wir gern die Steigbügelhalter für die Jockeys.“ Es ist diese Haltung, die Knust Kunz Gallery Editions bis heute prägt und im internationalen Kontext einzigartig macht – als Ort des generationsübergreifenden Dialogs, der künstlerisch-verlegerischen Kollaboration und der fortwährenden Revitalisierung der Peintre-Graveur-Tradition. Ganz aktuell macht das die neue Grafikedition von Austin Eddy deutlich, die ab Mitte September parallel zu der von ihm kuratierten, internationalen Gruppenausstellung Ripple gezeigt wird. Der Titel dieser Präsentation könnte nicht besser gewählt sein, hat sich doch aus der Ersten Konzentration in mehr als 40 Jahre – in vielen Dimensionen – ein gut erkennbarer „Welleneffekt“ ergeben...