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Das Various Others Programm bietet auch in diesem Jahr wieder eine Vielzahl von tollen Ausstellungen und Veranstaltungen, da ist es nicht immer leicht, den Überblick zu behalten. Der folgende, von Julia Anna Wittmann kuratierte ArtWalk ist nur eine der möglichen Kombinationen und Abfolgen, in denen man sich ins Getümmel stürzen kann. Die Vielfalt der Kunstlandschaft in München lässt sich am besten mit dem Fahrrad erkunden.
Wir beginnen unsere Tour im Herzen Münchens, auf der prachtvollen Ludwigstraße. In der Knust Kunz Gallery Edition eröffnen zu Various Others nicht nur eine, sondern gleich zwei Ausstellungen. In Zusammenarbeit mit der Sitor Senghor Galerie Paris werden Arbeiten des 1958 in Bouaké an der Elfenbeinküste geborenen Künstlers Ernest Dükü gezeigt. Seine Einzelausstellung “Invisible Ancestors” dreht sich um die komplexe Welt göttlicher Wesen in der traditionellen Religion der Akan in Westafrika. In seinen filigranen Zeichnungen bringt Dükü überlieferte Geschichten von Seelen- und Ahnenvorstellungen mit physikalischen Überlegungen und astrologischen Symbolen in Verbindung.
In der zweiten Ausstellung “Pola&Pablo” stehen sich Werke von Pola Sieverding und Pablo Picasso gegenüber. Sieverdings fotografische Arbeiten der Werkgruppen “Duende“ und “touche-touche“ treffen auf die Aquatintaradierungen Picassos. Das verbindende Elemente ist in diesem Fall nicht die Ähnlichkeit im Vornamen der Künstler*innen, sondern die ästhetische Auseinandersetzung mit dem spanischen Stierkampf und spannungsgeladenen Körpern. Zeitgenössische Fotografien treffen auf Zeichnungen der Moderne.
Um unseren nächsten Stop zu erreichen drehen wir der historischen Altstadt den Rücken zu und nähern uns der Maxvorstadt mit all ihren Galerien, Geschäften, Restaurants und Bars. Unser Ziel ist die Galerie Francoise Heitsch in der Amalienstraße. Der in der Karibik lebende Künstler Christopher Cozier ist für seine roten Stufen bekannt – eine Skulptur, die er auf leeren Grundstücke in verschiedenen Städten weltweit platziert. Innerhalb seines Projekts “Home/Portal” initiiert Cozier Begegnungen mit anderen Künstler*innen, um über Heimat und Vertreibung zu sprechen. Francoise Heitschs Ausstellung “Home/Portal: Christopher Cozier featuring Onur Gökmen” bringt zwei Künstler in einen solchen Austausch. Auch Onur Gökmen greift in seinen Arbeiten immer wieder architektonische Rückstände auf, die zum Ausgangspunkt für einen breiteren Diskurs werden. Im Fokus seiner Werke steht die Wechselwirkung von Verwestlichung und Modernisierung, sein Blick geht dabei gleichermaßen in die Zukunft und die Vergangenheit.
Tatsächlich nur um die Ecke, direkt gegenüber des Museums Brandhorst ist unser nächster Halt, die Galerie Jo van de Loo. Gemeinsam mit der Galerie Drei aus Köln präsentiert die Galerie Arbeiten der Künstlerinnen Julia Scher und Sandra Slim. Die in Köln lebende Künstlerin Julia Scher setzt sich bereits seit drei Jahrzehnten mit privater und öffentlicher Überwachung auseinander – lange vor Formaten wie "Big Brother”. In ihren immersiven Installationen und Werkserien reflektiert sie kritisch den Umgang mit Sicherheitssystemen. In Kontrast dazu sind neue Arbeiten der mexikanischen Künstlerin Sandra Slim zu sehen. Ihre fantasievollen Malereien zeigen surreale Landschaften sowie abstruse und humorvolle Interaktionen zwischen Mensch und Tier. Ihr persönlicher Malstil basiert auf Mustern und folkloristischen Maltechniken, die zu einer naiven Figuration verschmelzen und erfrischende Geschichten erzählen.
Ein kurzes Stück folgen wir nun der Türkenstraße und erreichen schnell die Galerie Nagel + Draxler. Die dortigen Galerieräume sind der Ausgangspunkt für Mirjam Thomanns skulpturale Interventionen. Basierend auf den räumlichen Gegebenheiten nähert sich die Künstlerin mittels Skulptur, Installation, Zeichnung und Text an die vorherrschende architektonische, soziale und institutionelle Ordnung an. Dabei geht Thomann prozesshaft vor, installiert Einbauten, kombiniert vor Ort gefundenes und achtet auf Wiederverwendbarkeit. Die Räume der Nagel + Draxler Galerie fungieren also nicht nur als Ausstellungsraum, sie werden zum Teil der Installation.
Nach einem kurzen Weg über den Platz zwischen der Pinakothek der Moderne und der Alten Pinakothek erreichen wir die Räume der Galerie Britta Rettberg in der Gabelsbergerstraße. In Zusammenarbeit mit blank projects aus Kapstadt zeigt Britta Rettberg aktuelle Arbeiten der südafrikanischen Künstlerin Lerato Shadi. In ihren Installationen, Videoarbeiten und Performances macht Shadi auf eine unsichtbare und ungesehene Historiographie aufmerksam. Im Mittelpunkt ihrer Arbeiten steht der marginalisierte Körper, der Körper einer Schwarzen Künstlerin. Dabei greift sie Themen wie kulturelle Auslöschung oder strukturelle Ausgrenzung auf und stellt das westliche Geschichtsverständnis in Frage.
Zusätzlich sind auch noch neue Arbeiten des Münchner Künstlers Patrick Ostrowsky im Projektraum “park” der Galerie zu sehen. Ostrowsky, der sich immer wieder skulptural mit urbanen Strukturen und temporären Architekturen beschäftigt, widmet seine neue Werkgruppe dem Konzept des Heimischen und der häuslichen Welt.
Unser letzter Stop versteckt sich Hinter der Filmhochschule und der Hochschule für Musik und Theater. Zhanna Kadyrova zeigt den Besucher*innen des NS-Dokumentationszentrums wie ziviler Widerstand und künstlerische Gegenwehr im Angesicht militärischer Gewalt aussehen können. Die aktuellen Arbeiten der Künstlerin sind eine direkte Antwort auf den russischen Angriffskrieg in der Ukraine. In Fotografien und Installationen hält Kadyrova das Ausmaß der Kriegsverbrechen und die Zerstörung ihrer Heimat fest. Zwischen verwüsteten Häusern und Straßen konnte die Künstlerin Zimmerpflanzen bergen, die im Ausstellungsraum des NS-Dokumentationszentrums Obhut gefunden haben. Die Pflanzen verwandeln sich durch die physische Neuverortung in stumme Zeugen eines schrecklichen Krieges, deplatziert und voller ideologischer, historischer und politischer Bezüge.