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Various Others bietet auch in diesem Jahr wieder eine große Auswahl sehenswerter Ausstellungen und Veranstaltungen, sodass es nicht immer leicht ist, den Überblick zu behalten. Der folgende kuratierte Art Walk, der zu Fuß oder besser mit dem Fahrrad zurückgelegt werden kann, führt in weit geführten Kreisen um und durch die Maxvorstadt und das dortige Kunstareal, wo neben den großen Institutionen auch eine Vielzahl an Galerien und Ausstellungsräumen ein kulturelles Cluster gebildet hat.
Wir beginnen unseren Rundgang durch die zeitgenössische Kunstszene Münchens am Rande des Zentrums der Stadt, nahe dem Lenbachplatz. Von hier aus agiert die Galerie Lohaus Sominski mit starken lokalen Wurzeln und einer globalen Perspektive. Die Galerie, erst 2022 gegründet, verortet sich an den Schnittstellen von Kunst, Wissenschaft und Technologie und sieht sich als Plattform für interdisziplinäre Praktiken. In Kooperation mit der Galerie Kamel Mennour aus Paris begegnen sich in der aktuellen Ausstellung „Future Ancestors“ mit Ilit Azoulay und Alicja Kwade zwei Positionen, die Wissen, Zeit und Weltverständnis als materielle und transformative Prozesse untersuchen. Azoulays Archivmontagen dekonstruieren Geschichtsnarrative, indem sie Artefakte unterschiedlicher Epochen in ein simultanes Bildgefüge überführen. Kwades Installation hingegen verdichtet kosmologische Zeitdimensionen im Reflexionsraum eines speziellen Materials, dem vulkanischem Gestein Obsidian. Beide Positionen verstehen das Konzept von Zeit nicht als linearen Strang, eher als ein vielschichtiges und verflochtenes relationales Netz. Das Museum Villa Stuck wird im Rahmen von Various Others ebenfalls eine neue Ausstellung von Ilit Azoulay eröffnen.
Von der Innenstadt her nähern wir uns nun dem Kunstareal, wo wir in der Gabelsbergerstraße die Galerie Britta Rettberg betreten. Dort finden wir eine Doppelausstellung der in London lebenden irischen Künstlerin Laura Ní Fhlaibhín und des in New York lebenden indigenen kalifornischen Künstlers Tyler Eash, die den Fokus von individueller Autorschaft hin zu geteilten genealogischen und politischen Verflechtungen verschiebt. Der individuelle Ausgangspunkt ist eine individuelle Freundschaft, der Fokus liegt aber auf einer Untersuchung anglokolonialer Gewalt und deren Überschreibung indigener Wissenssysteme. Trauer, Erinnerung, Wiederaneignung und Solidarität sind die Basis für gemeinsame ästhetischen Praktiken zwischen Irland und Native America. Parallel dazu zeigt Timur Lukas im Ausstellungsraum @park eine zeichnerische Serie, die sich vom Bildarchiv weg hin zur direkten Beobachtung bewegt. Seine flüchtigen Tierstudien destabilisieren die Idee eines fixierten Bildes und betonen das Prozessuale.
Nur ein Stück die Straße herunter stoßen wir auf den Space n.n., der schon im Namen, n.n., steht für Nomen Nominandum, seinen Charakter als Raum für Transformation und Experiment betont. Diese Offenheit setzt sich auch in der aktuellen Kooperation mit der AlmResidency fort, einer Künstler*innen-Residency, die künstlerische Produktion bewusst aus dem urbanen Kontext in eine temporäre, naturnahe Situation verlagert. Die Ausstellung „After the map was drawn“ thematisiert daher auch das Verhältnis von Ort, Erinnerung und Narration, aus persönlicher wie aus gesellschaftlicher Perspektive. Fünf Künstler*innen aus fünf Ländern widmen sich grenzüberschreitenden Thematiken, materiell und konzeptionell.
Ebenfalls in der Gabelsbergerstraße, in einem imposanten postindustriellen Rückgebäude, findet man die Galerie Paulina Caspari, die eine Einzelausstellung von Oliver Osborne präsentiert. Unter dem Titel „Der Tegernseer Bauernjunge“ wird eine Gruppe neuer Arbeiten gezeigt, die sich methodisch wie historisch auf August Mackes gleichnamiges Portrait aus dem Jahr 1910 beziehen, das Bildnis eines Dorfkindes aus Mackes Tegernseer Jahre, das sich heute in der Sammlung des nahegelegenen Lenbachhauses befindet. Osborne bringt die Tradition der Portraitmalerei und den kunsthistorischen Kanon mit seiner eigenen zeitgenössischen Praxis in eine kontinuierlich neu zu verhandelnde Beziehung. Dabei verschiebt er bestehende Genregrenzen und schafft so Verschmelzungen, in denen verschiedene Formen von Nähe parallel existieren, wie Vertrautheit, die durch das Wiedererkennen kunsthistorischer Referenzen entsteht, und die Bindung des Malers an seine Modelle, in diesem Fall seine eigenen Kinder.
Auch in ein post-industrielles Rückgebäude in der Enhuberstraße ist letztes Jahr die Galerie Sperling gezogen und setzt dort ihr anspruchsvolles internationales Programm fort. Zu sehen ist nun eine Ausstellung von Anousha Payne, die ein hybrides Projekt in Zusammenarbeit mit der Klang- und Performancekünstlerin Ushara präsentiert. Paynes Praxis bewegt sich zwischen persönlicher Erfahrung, Fiktion und Mythos und nutzt Assemblagen, Fundstücke und Skulpturen, um materielle und kulturelle Ordungssysteme zu hinterfragen. In der Ausstellung wird der Galerieraum nun zum Schauplatz einer kollaborativen Dramaturgie aus Skulptur, Sound und Performance. Die Ausstellung entfaltet sich als narrative Umgebung, in der das Verhältnis von Mensch und Objekt im Zentrum steht. Die Einbindung von Usharas Performance verstärkt diesen Effekt, indem eine zeitliche Dimension eingeführt wird, die das Statische der Skulpturen ergänzt.
Die Galerie Tiger Room in der Heßstraße, nur ein paar Gehminuten weiter, gibt es seit 2023 und sie hat sich seitdem mit einem Fokus auf jüngere Positionen etabliert. Diesen Frühling ist das nomadisch agierende kuratorische Projekt GiG Munich zu Gast. Unter dem Titel „Before your eyes open“ werden die Arbeiten der drei Malerinnen Laura Hinrichsmeyer, Luisa Kasalicky und Andrea Zabric präsentiert. Die Ausstellung ist eine konzentrierte Reflexion auf die Bedingungen und Gegebenheiten der Malerei und die dadurch bedingten Ansätze von Maler*innen. Aus unterschiedlichen Generationen und Hintergründen kommend, haben sie ein ausgeprägtes Bewusstsein für die historischen und kulturellen Bedingungen der malerischen Praxis, jedoch ohne sich von diesem determinieren zu lassen. Malerei ist hier vielmehr ein Prozess der Selektion und Transformation als reine Abbildung oder Abstraktion.
Ein weiterer kurzer Spaziergang in die Schellingstraße führt uns zur Galerie Walter Storms, die schon seit Jahren ein etablierter Akteur der Münchner Szene ist. In Zusammenarbeit mit der Gastgalerie Dirimart aus Istanbul werden dort Arbeiten von Anselm Reyle gezeigt. Sein Werk bewegt sich zwischen Malerei, Skulptur und Installation. Natürliche Materialien treffen auf leuchtende Farben und reflektierende Flächen. Die Ästhetik oszilliert zwischen Oberfläche und Tiefe. Reyles versteht unsere Wahrnehmung nicht als final oder absolut, eher als fluide, seine Arbeiten hinterfragen die Konventionen ästhetischer Erfahrungen und Codes. Die unter dem Titel „infinite longing“ gezeigte Präsentation ist die erste Einzelausstellung des Künstlers in München.
Ein für München untypisches Projekt ist gleich neben der Galerie Walter Storms zu finden. EYES ONLY operiert bewusst außerhalb klassischer Marktlogiken, hinterfragt die Rollenverteilung zwischen Künstler*in, Galerie, Museen, Kurator*in und Sammler*in und verschiebt die Bedingungen von Ausstellung und Sichtbarkeit. Der von der Künstlerin Caro Jost initiierte nicht-kommerzielle Off-Space nutzt die bestehende Architektur eines Schaufensters, um Öffentlichkeit und Zugänglichkeit für internationale künstlerische Positionen zu ermöglichen. In Kooperation mit der Galerie Esther Schipper zeigt EYES ONLY eine radikal ortsspezifische Arbeit von Karin Sander. „Coordinates“ reduziert sich auf die Angabe ihrer eigenen geografischen Position in Form von Koordinaten, die im Raum sichtbar sind. Der Raum fungiert hier nicht nur als ein Container für eine künstlerische Arbeit, sondern ist konstitutiver Bestandteil.
Dieser Rundgang gibt einen guten Einblick in die facettenreiche Münchner Galerielandschaft, die sich kontinuierlich weiterentwickelt und international vernetzt agiert. Die unterschiedlichen Akteure verbinden dabei lokale Ansätze mit globalen Diskursen. Die enorme inhaltliche Bandbreite der gezeigten künstlerischen Positionen zeigt eine ungemeine Vielstimmigkeit die durch den Fokus auf konzeptionelle Tiefe geeint ist.