Zum Tourbeginn in Sendlingen bitte nicht gleich provozieren lassen. Ein Kreuz allein reicht schließlich nicht für Indoktrinierung, so hat das Bundesverwaltungsgericht entschieden. Das Kollektiv Frankfurter Hauptschule hat sich für ein Gastspiel inBayern vom so genannten Kreuzerlass der bayerischen Staatsregierung inspirieren lassen. Seit der das Anbringen des christlichen, Verzeihung, kulturellen Symbolobjekts Kreuz in Dienstgebäuden des Freistaats Bayern gebietet, ist die obligatorische Zwei-Balken-Kombo erfolgreich als Smalltalk-Thema in den Rest der Bundesrepublik exportiert worden. Es winkt konservative Symbolpolitik, gefundenes Fressen für die Frankfurter Hauptschule also. Auf Einladung der Münchner Kolleg:innen von pip bespielt die Gruppe daher das studio D40 mit ihrem künstlerischen Weiterdreh der Debatte. Wer Ersatz für die abgetragene Chrome-Hearts-Kette sucht, könnte fündig werden.
Ums Eck geht es im SOSOSO Space mit konservativen Narrativen weiter: Es geht um Vater, Mutter, Kind, die altbekannte heteronormative Kernfamilie. Die Ausstellung „Aufzucht und (Un-)Ordnung“ von Vincent Brod und Janosch Feiertag ist eine Kollaboration mit dem Münchner Projektraum Nebyula und der Galerie Feiertag aus Kassel.
Von hier aus geht es rauf aufs Rad und entlang der Isar in Richtung Gärtnerplatz. Dort zeigt die Galerie Jahn und Jahn in Kollaboration mit dem britischen Theoretiker Mathew James Holman zwei Ausstellungen in zwei Räumen: eine von Willem de Kooning, eine von Jana Schröder, er Jahrgang 1904, sie 1983. Es ließe sich nun mühelos auflisten, was die beiden Positionen voneinander unterscheidet, die Galerie legt den Fokus aber auf eine geteilte Frage, die über Generationen und Kontinente hinweg an Aktualität offenbar nicht eingebüßt hat – sofern man künstlerischen Ausdruck denn in der Abstraktion sucht: Wie entsteht aus Linien und Farbflächen eine Figur? Ist die Form fix oder zerfällt sie, wenn man länger auf den Bildträger starrt? Einfach mal ein paar Leute anquatschen zwecks unverbindlichen Meinungsbildes …
… oder die Grundsatzdebatte solo auf dem Sattel durchdenken.
Ein paar wenige Radminuten in Richtung Osten müssen dafür allerdings reichen. Dann kann auch schon wieder das Schloss ausgepackt werden. In der Milchstraße 4, einem Projektraum nüchtern benannt nach seiner Adresse im Stadtteil Haidhausen, hat der Künstler Christian Eisenberg Tiphanie Kim Mall und Johanna Klingler eingeladen, gemeinsam mit ihm auszustellen, wie Mensch so konditioniert wurde vom Leben für das Leben und überhaupt. Junge Künstler:innen zeigen individuelle Beobachtungen des und spezifische Perspektiven aufs Alltägliche. Im besten Fall wird das eine dieser Ausstellungen, bei denen angenehmer Weise nicht schon vorab völlig klar ist, was zu sehen sein wird, die dafür dann aber doppelt so gut im Gedächtnis bleibt.
Eine sichere Bank ist derweil Deborah Schamoni, besonders attraktiv für all diejenigen , die zu diesem Zeitpunkt noch nicht mit den „Form, Farbe, Figur, Figur aufgelöst“-Überlegungen abgeschlossen haben. In ihrer Bogenhausener Villa zeigt die Galerie zum zweiten Mal Maryam Hoseini. Bei der Künstlerin treten Körper per se fragmentiert in Erscheinung: zur letzten Ausstellung noch in eigenwilligenWohnarchitekturen arrangiert, nun mehr floatend in einem Raum, der zunächst zu bestimmen wäre. Figürliche Akzente, ein gelegentliches Weinglas oder eine akzentuierte Brust, assistieren bei der Rekonstruktion einer Art Erfahrungswelt im Spannungsfeld von Intimität und Bruch.
Zum Ende der Tour geht es Richtung Altstadt. Eine ovalköpfige Figur mit großen Pupillen und Pagenkopf weist die Ausstellung in der Galerie Christine Mayer direkt als eine von André Butzer aus. Die Galerie hat sich mit der BerlinerHandsiebdruckerei, dem Wiener Harpune Verlag und Edition Linn aus Heidelberg zusammengetan und präsentiert neben aktuellen Aquarellen und Handzeichnungen auch grafische Werke aus den letzten 25 Schaffensjahren des Künstlers.Kulleräugige Cartoonfiguren und poppige Eindeutigkeit treffen auf nachdenklich kommentiertes Gekritzel und eine sympathische Abkehr vom Hochdeutschimperativ, denn bei Butzer wird eben die Düre zugemacht.
Während es ein letztes Mal aufs Rad geht, kann gedanklich schon mal das Feierabendbier geplant werden. Zwei Stops noch und dann Prost! Bei Knust Kunz Gallery Editions liegt der Fokus ganz auf Druckgrafik und zwar auf der von Robert Motherwell, wie der bereits erwähnte De Kooning ein Vertreter des abstrakten Expressionismus. Motherwell war Typ Theoretiker, saß mit Jackson Pollock und Mark Rothko zusammen und – so kann man sich das jedenfalls gut vorstellen – sinnierte über Formen und Linien und die Abstraktion als Ausdruck von Emotion. Dichte, satte Farbflächen, viel Schwarz. Daran könnte man einen Motherwell erkennen. Wenn‘s bisher noch nicht geklappt hat, dann vielleicht ja nach diesem Ausstellungsbesuch.
Direkt nebenan in der Behncke Gallery ist anlässlich ihres Various-Others-Debüts die Berliner Galerie Sexauer zu Gast. Vier künstlerische Positionen ergeben eine Annäherung an diesen vielzitierten „Raum“, an dem sich in der Kunst so gern konzeptionell abgearbeitet wird. Räume werden imaginiert, eröffnet, sichtbar gemacht, zuweilen gehalten, man kennt es. Im Rahmen der Ausstellung „BetweenImage and Space“ geschieht das unter anderem mithilfe von Glas, künstlicher Intelligenz und Traum. Die Arbeiten sind von Luisa Baldhuber, Ornella Fieres, Alexander Iskin und Louis Wessendor , Künstler:innen, die ganz unterschiedlich arbeiten und entsprechend Bandbreite anbieten.
Passt perfekt zu Various Others, denn das Münchner Kunstformat ist bekanntermaßen vielseitig. Wer alle Stops dieser Tour abgeklappert hat, sollte einen guten Überblick über die Facetten des Programms erhalten haben. JungePositionen, etablierte Größen, Off-Spaces und kommerzielle Galerien ergänzen sich quer über die Stadt verteilt. Es lohnt sich, auch mal dort anzuhalten, wo man in einer gewöhnlichen Woche vielleicht nicht vorbeigeschaut hätte.