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Dieser Rundgang beginnt in der Schleißheimerstraße 42 bei NEBYULA by Rosa Stern e.V.. Unweit davon lebte ich übrigens fünf Jahre lang und hatte es nicht nur recht gemütlich (enge und kleine Wohnung), sondern auch köstlich (ganz gute Restaurantdichte). Da der Genuss immer noch eins meiner zentralen Lebensmittelpunkte darstellt, wird auch dieser Rundgang herrlich schmecken.
Die Ausstellung im NEBYULA, die unter dem Titel „The Inner Frontier“ gezeigt wird, beschäftigt sich zwar nicht mit den Grenzen des guten Geschmacks, sondern mit der Neuinterpretation des Grenzbegriffs, was aber gut zu meinem kulinarischen Überthema passt. Statt der äußeren Grenzen, wie Länder, Mythos, Zivilisation usw. wird zeitgemäß vielmehr eine innere Grenze untersucht – mit der immanenten Möglichkeit der Veränderung, Transformation und des Austauschs. Das Projekt ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit zwischen München (NEBYULA by Rosa Stern e.V.) und Krakau (Piana Gallery Foundation) und lädt das Publikum ein, über die unterschiedlichen Bedeutungen von Grenzen nachzudenken. Es finden zwei Duo-Ausstellungen statt, die aktuelle Schau in München mit den polnischen Künstlern Anna Raczyńska und Michał Zawada, die bis zum 20. Juni läuft, und ein zweiter Teil in Krakau mit den in München lebenden Künstlern Alexander Scharf und Marta Vovk. Grenzübergreifend muss man auch an die Kulinarik herantreten: Also ich speise gerne international. Leider gibt es den Happy Fildjan in der Gabelsbergerstraße nicht mehr. Dort trank ich besonders gern meinen Kaffee, wie mir erklärt wurde, original bosnisch, das heißt auf einem schönen Silbertablett mit ganz viel kleinen Schälchen und süßem Zeug dazu. Weil es diesen so tollen Laden nicht mehr gibt (entsetzlich), schieben wir den Kaffee auf später und machen uns direkt auf den Weg.
Nir Altman, unser nächster Stop, auch wirklich um die Ecke. Unter „Now the east wind hunts“ wird Littlewhitehead (Craig Little und Blake Whitehead) gezeigt und so führen wir das Grenzen sprengende fort – denn der Wind lässt sich sowieso nicht aufhalten und ist ja wirklich überall (und nirgends). Ich mag die Verbindung der Titel auf dieser Route übrigens sehr. Für ihre vierte Einzelausstellung in der Galerie haben sie Umgebungen geschaffen, die sowohl als „Strukturen des Gefühls“ als auch als „affektive Landschaften“ beschrieben werden können. Das in Glasgow ansässige Duo verwendet sowohl Skulpturen als auch Malerei, um dystopische Welten der Verlassenheit zu erschaffen, die das Ausmaß aufzeigen, in dem Systeme der Repräsentation unsere Navigation in der Welt formen.
Von dort biegen wir kurz in die Augustenstraße ab und zwar mit einem Abstecher im Palmtreeclub (ich mag halt den Namen, was soll ich machen) für einen schnellen Kaffee und dann zu Paulina Caspari, wo die Grenzen komplett aufgelöst werden. Unter dem Titel „my galaxy“ ist ja nun wirklich alles offen und komplett grenzenlos. Die Galaxie als ein hochgradig persönlicher oder unendlich weiter Raum wird von Antonia Brown, Jeanne Geiger, Sylvie Hayes-Wallace, Kelsey Isaacs, Hojeong Lee, Molly Rose Lieberman und Pei-Yi Tsai behandelt. Durch komplexe Prozesse, die Material, Komposition und Erzählung einbeziehen, hinterfragen die Künstlerinnen die vermeintliche Stabilität von Bildern, Systemen und Identitäten und bringen neue und innovative Perspektiven ein. Ich liebe ja handgezogene chinesische Nudeln und da wir schon so nah dran sind, würde ich an dieser Stelle dringend das Biang Biang Auberginen Gericht in der Variante „Asian Spicy“ im Mamma Bao bestellen. Dazu ein Yuzu-Softdrink und erstmal schön schlemmen. Kleines Päuschen eben.
Von dort bewegen wir uns wieder in die Gabelsbergerstrace in den äußerst passend klingenden Space n.n. (ha!) – ein Kunstraum, der sich einem unfertigen und performativen Ansatz verschrieben hat. „When the Eyes Lick Images“ ist die erste Einzelausstellung von Choreograph, Tänzer und bildender Künstler Osamu Shikichi in Deutschland. Shikichis Arbeiten befassen sich mit dem Konzept des anonymen Körpers und verschieben vertraute Identifikationsmuster. Auf diese Weise erhält der Betrachter eine neue Perspektive auf die menschliche Form und auf die Gewalt, die im Akt des Sehens liegt. Schaut auf jeden Fall auf ihrer Seite nach, um den Zeitplan zu erfahren - diese Performance solltet ihr nicht verpassen! Wenn wir schon da sind, kommt es jetzt wirklich auf die Uhrzeit an, ob wir uns direkt im Komitee einen Apero gönnen. So ein kleiner Drink ist vielleicht an dieser Stelle angebracht.
Falls es noch nicht Abend sein sollte, gehen wir direkt weiter zu Britta Rettberg, die uns mit der nächsten Gruppenausstellung unter dem Titel „This Must Be The Place“, in Zusammenarbeit mit THE BREEDER und RAVNIKAR, wieder ganz in die Gegenwart zurück holt. Dort zeigen die Künstlerinnen Nina Čelhar, Laura Ní Fhlaibhín, Kyriaki Goni, Caro Jost, Malvina Panagiotidi und Helena Tahir Positionen zu Geschichte, Identität, Zeit und Raum. In dieser Multimediaschau erkunden die Künstlerinnen mit Skulpturen, Gemälden, Zeichnungen und Videos die Spannungen zwischen materiellen und immateriellen Welten. Von der Verbindung mit Alltagsgegenständen im Kleinen bis hin zur Erforschung des Raums bietet jede Künstlerin eine andere Perspektive und hinterfragt konsolidierte Erzählungen.
Da wir uns hier in einer kulinarisch komplizierten Ecke befinden, lässt sich der Ausstellungstitel der Einzelausstellung von Malte Zenses in der Galerie Sperling in der neuen Location in der Enhuberstraße direkt als ein kurzes Motto übernehmen: Durchhalten galore! Pinturas para perros. Es werden neue Malereien und Skulpturen gezeigt, eine zweiteilige Zusammenarbeit mit der Galerie Pequod Co. in Mexiko-Stadt, wo Zenses im Herbst 2024 seine Residency absolvierte. Der Künstler schöpft aus der rohen Energie von Subkulturen, Musik und Zines und vermischt Medien, um den unruhigen Geist unserer Zeit zu reflektieren. Wer nicht auf meine Nudeln angesprungen ist, fühlt sich vielleicht vom Steinheil 16 angezogen, zum Beispiel von der veganen Currywurst oder eben dem berühmten Schnitzel. Denn der nächste Abschnitt ist etwas länger.
Unsere nächste Station ist Jo van de Loo und da wird alles kongenial zusammengefasst: „Future Past Now“ ist der programmatische Titel der neuen Werkserie von Jan Paul Evers mit der Frage: Was erwarten wir von der Zukunft? Jan Paul Evers verwendet analoge Schwarz-Weiß-Fotografie, um zu untersuchen, wie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einer Welt verschwimmen, in der Wissenschaft und Mystik aufeinanderprallen. Durch die von den Tierkreiszeichen inspirierte Bildsprache eröffnet seine Arbeit einen Raum, in dem sich Glaube, Wissen und Realität überschneiden, und lädt uns dazu ein, die Art und Weise, wie wir die Zeit sehen und ihr einen Sinn geben, neu zu überdenken.
Direkt neben an, bei Knust x Kunz widmen wir uns dann dem schönsten Gefühl: der Liebe. Jonathan Drews und Peter Bönisch geben uns damit den perfekten Ausklang, denn damit beenden wir diesen Rundgang: Die altgriechische Idee der Liebe - Agape, Philia und Eros - beruhte auf Verbundenheit, geteilter Menschlichkeit und einem Gefühl der universellen Zusammengehörigkeit. Im Gegensatz zu den heutigen Trennungen und Ausgrenzungen erinnert sie uns an eine umfassendere, kollektivere Art der Liebe, die auf Zusammenarbeit und nicht auf Wettbewerb beruht. Und weil die Liebe durch den Magen geht, steht es natürlich außer Frage, dass man an dieser Stelle bei Ballabene ein Eis kaufen muss (Rose!) Meine Lieblingseisdiele ist übrigens Domori in der Kapuzinerstraße. Aber die liegt ja nun gar nicht auf der Route. Wohin man aber noch gehen könnte, wäre das Hoh Saan Deli & Boutique in der Barerstraße. Ich liebe den Iced Matcha mit Kokoswasser!