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Beginnen Sie Ihre Tour durch die zeitgenössische Kunstszene Münchens im eleganten Stadtteil Bogenhausen bei Deborah Schamoni, einer der international renommiertesten Galerien der Stadt. In einer ehemaligen Villa in der Nähe der Sammlung Goetz machte sich die Galerie mit einem konzeptuell ausgerichteten Programm einen Namen, das postdigitale Ästhetiken mit soziopolitischem Diskursen verbindet. Deborah Schamoni setzt auf langfristige Kooperationen mit einem festen Künstler*innenkreis und unterstützt auch prozesshafte, forschungsbasierte Projekte, die Theorie und Praxis miteinander verknüpfen.
Während Various Others zeigt die Galerie zwei Ausstellungen im Innen- und Außenraum. In der Galerie präsentiert Maria VMier ihre erste Einzelausstellung "Bilder", in der sie Fragen von Bildsprache, Selbstrepräsentation und Abstraktion verhandelt. Ihre Arbeiten reflektieren etablierte Strukturen von Sichtbarkeit und Autor*innenschaft. Zeitgleich eröffnet im neu gestalteten Skulpturengarten die Gruppenausstellung "FOXY PARK" mit Arbeiten von Judith Hopf, Jonas Monka, Nils Norman und Nicole Wermers, die sich mit dem öffentlichen Raum in satirischen, wie kritischen Skulpturen auseinandersetzen. So fungiert Wermers’ drei Meter hohe Skulptur Kusine, die modernistische Formen und industrielles Design zitiert, als minimalistisches Monument und gesellschaftlicher Kommentar zugleich. Nils Normans Palm Lamp kombiniert bunte Plastikpflanzen mit elegantem italienischem Design und parodiert gängige Erwartungen an Kunst im öffentlichen Raum. Jonas Monkas sinnlich liegenden Figuren erinnern an mythologische Transformationen und queeres Begehren, während Judith Hopfs geneigte Reifenskulptur Bewegung, Moderne und die oft übersehene Infrastruktur des Alltags reflektiert.
Im benachbarten Stadtteil Haidhausen liegt die Milchstraße 4, ein unabhängiger Projektraum, der sich auf junge künstlerische Positionen und experimentelle Formate konzentriert. In einem kleinen Ladenlokal legt der Raum den Fokus auf kollaborative und diskursive Arbeitsweisen und bietet eine Plattform für aufstrebende Stimmen, Kollektive und prozessorientierte Ausstellungsformate. Mit "The Ploughshare" zeigt Milchstraße 4 eine gemeinsame Ausstellung von Ben Cottrell und Mariola Groener, deren Titel sich auf Friedrich Nietzsches einstigen Arbeitstitel zu Menschliches, Allzumenschliches bezieht. Die Ausstellung reflektiert Grenzen von Sprache, Symbolik und Repräsentation. Während Cottrells expressive Zeichnungen zwischen Figuration und Abstraktion oszillieren, erkunden Groeners Fotogramme die Gegensätze von Licht und Schatten. Gemeinsam entwickeln sie eine Bildsprache, die sich binärem Denken entzieht und zu einer philosophischen Auseinandersetzung mit Wahrnehmung, Form und Bedeutung anregt.
Auf der anderen Seite der Isar, im Glockenbachviertel, präsentiert Jahn und Jahn die Ausstellung "Knowing Each Other", eine transatlantische Kooperation mit Peter Freeman, Inc. (New York/Paris). Gezeigt werden Werke von Heinz Butz, Robert Filliou, Hendl Helen Mirra, Lucy Skaer und Al Taylor, die einen generationsübergreifenden Dialog zwischen Nachkriegsmoderne und zeitgenössischer Kunst eröffnen. Parallel dazu zeigt Remi Ajani ihre Einzelausstellung Still Life, in der sie eine malerische Sprache entwickelt, die von Vanitas-Symbolik, körperlichem Gedächtnis und Vergänglichkeit geprägt ist. Ihr Arbeitsprozess—ein Wechselspiel aus Anhäufung und Auslöschung von Spuren—erinnert an eine einstudierte Improvisation. Ajanis Gemälde eröffnen Räume für Verlust, Erinnerung und gelebte Körperlichkeit. Dabei verzichtet sie auf moralische Narrative und zeigt Körper – insbesondere von Pole-Tänzer*innen – als ambivalente Orte der Anmut, Anstrengung und des Widerstands. Florale und figürliche Motive verweisen zugleich auf Sinnlichkeit und Trauer und knüpfen formal an Traditionen von Morandi bis Twombly an.
Unweit davon zeigt Lohaus Sominsky die Gruppenausstellung "IM PORTRAIT", realisiert in Zusammenarbeit mit Tanya Leighton (Berlin/Los Angeles) und Galerie Krinzinger (Wien). Mit Werken von Ilit Azoulay, Gregor Hildebrandt, Karin Kneffel, Oliver Laric und Sybille Springer wird das Porträt als Gattung jenseits repräsentativer Konventionen neu gedacht und als Feld konzeptueller und materieller Untersuchung geöffnet. Gegründet von Sofia Sominsky und Ingrid Lohaus, nutzt die Galerie regelmäßig Kooperationen mit anderen Häusern, um diskursive Brücken über Regionen hinweg zu schlagen und sich als aktives Element eines internationalen Netzwerkes zu positionieren.
Im historischen Luitpoldblock im Zentrum Münchens präsentiert Salta Art die Ausstellung "An Art Student in Munich" der argentinischen Künstlerin Mercedes Azpilicueta. In Zusammenarbeit mit dem Instituto Cervantes entstanden, greift die Schau die protofeministischen Schriften der britischen Künstlerin Anna Mary Howitt auf, die in den 1850er-Jahren in München studierte, jedoch von offizieller künstlerischer Anerkennung ausgeschlossen blieb. Azpilicueta verbindet Textilien, Zeichnung und Performance, um Howitts spiritistische Kunstwerke – lange vor der Kanonisierung der Abstraktion entstanden – als radikale Akte des Widerstands neu zu denken. Die Ausstellung ruft vergessene feministische Genealogien in Erinnerung und kritisiert wie diese in der Geschichte aus künstlerischen Diskursen ausgeschlossen wurden.
Nahe dem südlichen Rand des Englischen Gartens zeigt max goelitz die von ihm gemeinsam mit der Berliner Galerie alexander levy kuratierte Ausstellung "everything, entangled, all at once". Seit seiner Gründung im Jahr 2020 konnte sich max goelitz als Galerie mit einem klaren Profil für konzeptuelle, medienbasierte und ökologisch ausgerichtete künstlerische Positionen etablieren. Die Ausstellung vereint Werke von Julius von Bismarck, Anne Duk Hee Jordan und Haroon Mirza, die das Zusammenspiel von Technologie, organischen Prozessen und Wahrnehmungssystemen untersuchen. Jordans Arbeiten Worlds Away (2023) und Ziggy and the Starfish (2016–2024) thematisieren Meeresökologie, zyklische Prozesse und fluide Identitäten. Haroon Mirza übersetzt Energieflüsse in Licht- und Klanginstallationen, während Julius von Bismarck mit neuen Werken unsere Wahrnehmung von Natur und ihrer Manipulation hinterfragt—und dabei seine Auseinandersetzung mit Entropie und visueller Transformation fortführt.
Den Abschluss bildet ein Besuch bei Christine Mayer im Lehel. Die Galerie hat sich mit ihrem langfristigen Engagement für materiell sensible und konzeptuell reduzierte Malerei und Skulptur ein klares Profil erarbeitet. Ihr Programm unterstützt Künstler*innen, die mit minimalistischer Formensprache und gegenstandsfreien Strategien arbeiten, wobei taktile Qualitäten und räumliche Präzision im Fokus stehen. Auch wenn sie nicht primär kollaborativ arbeitet, pflegt Mayer enge kuratorische Beziehungen zu ihren Künstler*innen und begleitet deren Entwicklung über lange Zeiträume hinweg. For Various Others Mayer präsentiert eine Einzelausstellung der in München lebenden Künstlerin Anne Rößner, deren grün getönte Gemälde und Keramiken von Daphnes Verwandlung in einen Baum in Ovids Metamorphosen inspiriert sind.
Von institutioneller Kritik über ökologische Systeme und feministische Archive bis hin zum experimentellen Porträt – diese Tour durch München zeichnet die vielfältigen Strömungen der lokalen Galerielandschaft nach. Sie führt an Orte, an denen sich konzeptuelle Tiefe entfalten kann und neue Kooperationen entstehen: innerhalb vielschichtiger, transmedialer Ausstellungen treten lokale Perspektiven in einen Dialog mit globalen Entwicklungen.